Einmal, vor längerer, vor sehr langer Zeit, hatte ich eine Ausstellung in einem sehr kleinen Kunstverein in einer sehr tiefen Provinz.

Der Leiter des Kunstvereins sagte:
„Wir haben schöne Räume. Stammpublikum. Aber verkauft wird in aller Regel nur, wenn ein Lokalmatador ausstellt. Und auch da eher selten. Wir leben in einer armen Region. Früher haben wir viel verkauft. Aber die Zeiten haben sich verändert. Alles ist schlechter geworden. Die Leute geben weniger Geld für Kunst aus.“

Spontan überlegte ich mir, meine Arbeiten etwas günstiger anzubieten. Genauer gesagt, um die Hälfte günstiger. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt. Außerdem geben die Leute immer mehr aus für Kunst. Auktionsrekorde allerorten. Nun ja. Halt nicht in der tiefen Provinz. Und dass sich die Zeiten ändern ist auch keine bahnbrechende Erkenntnis.

Möglicherweise dachte ich, ich könnte auf diese Weise eher was verkaufen. Überhaupt mal was verkaufen. In einem kleinen Kunstverein. In der Provinz. Kleine Preise für eine arme Gegend, um so einen Teil meiner Kosten einzuspielen. Bescheuert.

Ein Test.

Die Vernissage war gut besucht. Das Publikum interessiert & informiert. In kleinen Kunstvereinen ist das Publikum meistens interessiert & informiert. Auch in der Provinz.

Eine auffällig kostümierte ältere Dame mit einem ungewöhnlichen Hut, Modell Ascot, stand vor einer kleinen Leinwand. Andächtig, nachdenklich. Ein wenig affektiert, mit der Preisliste durch die Luft fächernd.

Zuerst dachte ich: „Künstlerin! Oder vielleicht Leiterin der Kinder- & Jugendmalschule vor Ort?“

Der Leiter des Kunstvereines stellte mich vor. Frau M., eine wichtige Persönlichkeit der Stadt. Sehr „kunstaffin“. Mitglied des Kunstvereins. Sammlerin. Sie verwickelte mich sofort in ein Gespräch über den ungewöhnlichen Kolorit meiner Arbeiten, im Besonderen aber jener Arbeit, vor der wir gerade standen. Die irgendeine Seite in ihr zum Schwingen & Klingen brachte, die sie anrührte, die Erinnerungen weckte. Sie geriet heftig ins Schwärmen, beschrieb Form & Komposition in ausladenden Gesten, beschrieb den Platz in ihrer Wohnung, wo meine Arbeit ihrer Meinung nach hängen sollte. Müsste.

Unbedingt.

Allein – mein Preisniveau sei zu hoch, zu hoch für die Region, zu hoch für den Kunstverein, ja, auch zu hoch für sie. Meine Arbeiten seien: teuer. Ob man da etwas am Preis machen könnte.

Wer mich kennt, weiß um meine höfliches, freundliches Wesen. Auch wenn ich sehr sehr verärgert war & lieber ohne genau dieses dämliche Gespräch in einer Ecke gestanden hätte, das bunte Treiben beobachtend & vor allen Dingen meinen Wein genießend. Stressfrei.

Ich erzählte etwas über die im Preis seienden Mehrwertsteuer, die von mir getragenen Transportkosten, den Anteil des Geldes, welches der Kunstverein im Falle eines Verkaufes erhält.

Und so weiter. Sinnlose Begründungen. Energie-, Zeit- & Luftverschwendung. Ich sagte, dass man da nichts am Preis machen könnte, weil die Bilder ihren Preis wert seien. Preiswert. Also das Gegenteil von teuer.

Was bedeuted überhaupt teuer? Teuer in Bezug auf was? In Bezug auf eine Currywurst um die Ecke? Oder etwa in Bezug zu einem neuen Porsche oder einer Bulthaupt-Küche, einen Neo Rauch oder einen Gerhard Richter? Teuer in Bezug auf den roten Hut auf dem Kopf der kunstaffinen wichtigen Persönlichkeit & Sammlerin? Teuer? Zum Teufel! Teuer ist ein Schimpfwort! Dachte ich.

Nein. Nichts sei am Preis zu machen. Gar nichts. Grundsätzlich. Von meinem „Test“ erwähnte ich nichts.

Ja, so sei das mit den Künstlern. Könnten nicht vom Verkauf leben, aber kein Wunder. Die wenigsten seien Geschäftsleute.

„Ihre Haltung imponiert mir. Vielleicht überlegen Sie sich es ja noch einmal im Lauf der Ausstellung. Dauert ja noch ein bisschen.“

Ich habe mir nichts überlegt, bewahrte meine Haltung. Verkauft habe ich auch nichts an diesem Abend. Und auch nicht im Verlauf der folgenden Wochen.

Ja, so ist das mit den sehr kleinen Kunstvereinen in sehr tiefen Provinzen.

Die Dame mit dem ungewöhnlichen Hut habe ich nie mehr gesehen.